Methadon als Wunderheilmittel bei Krebs? Medienhype um heiße Luft!

In den vergangenen Monaten gab es fast einen „Hype“ um Methadon als DAS Heilmittel gegen Krebs: in vielen dritten Programmen aber auch auf den Privatsenden wurden Beiträge mit Interviews und Stellungnahmen zum Thema gesendet, die alle einen gemeinsamen Tenor hatten: Die Anwendung von D-L-Methadon kann Krebspatienten eine neue Perspektive geben. Solche Meldungen verbreiten sich in der Regel wie ein Lauffeuer, geben sie doch den Zündfunken für einen neuen Hoffnungsschimmer: „ich kann geheilt werden“. Einmal mehr zeigt sich an diesem Thema allerdings, wie unkritisch Journalismus in Zeiten der schnellebigen Social-Media-Ära betrieben wird. Da geht auch schnell schon mal die Information verloren, dass die wesentlichen Erkenntnisse sich auf Tierversuche(!) stützen und die einzige kleine Studie mit Probanden ausschließlich Patienten mit primären Hirntumoren umfasste.
 
Im Ergebnis sahen auch wir uns in diesem Zusammenhang Forderungen nach Verordnungen über das Betäubungsmittel Methadon – sonst als Morhinderivat bekannt als Schmerzmedikament oder in der Substitution von Heroinabhängigen.
 
Als kritische Mediziner (u.a. Mitglied bei MEZIS e.v.) sind wir darauf bedacht, uns stets möglichst pharmaneutral zu informieren, was angesichts des Gesundheitsmarktes nicht immer einfach ist. Dementsprechend haben wir ach nach ersten Berührpunkten mit solchen Verordnungswünschen recherchiert. Offensichtlich lief die Medienmaschinerie zum Thema recht gut, zeigte sich doch dass von unterschiedlichen Seiten vergleichbare Anfragen an andere Ärzte kamen. Erfreulicherweise befasste sich das Arznei-Telegramm (eine äußerst pharmakritische Zeitschrift, pharmafrei finanziert) aus aktuellem Anlass bereits mit dem Thema. Die Conclusio hieraus ist ein klares Abraten von der Anwendung [1].
 
Die einzige veröffentlichte Studie zum Thema [2] kann letztlich nur ein Hinweis auf notwendige weitere Studien sein: hier wird rückblickend mit einer historischen Kontrollgruppe (naturgemäß unverblindet) bei einer sehr kleinen Patientenzahl (dies muss man angesichts der Diagnosenselektion verschmerzen) mit primären Hirntumoren bei Anwendung von Methadon UND Chemotherapeutika das Outcome ausgewertet. Schon alleine diese letzte wesentlich Information einer Co-Administration von Zytostatik ging in der allgemeinen Berichterstattung fast unter.
 
Die wesentlichen Ergebnisse hören sich dann auch eher wie die Evidenz für einen Nichtunterlegenheits-Endpunkt an: „investigation (…) shows that D,L-methadone had no detrimental effect“ und „D,L-methadone does not increase pre-existing hematotoxicity“.
 

Im Gegenteil: die Autoren kommen zum Schluss, dass ihre Arbeit eben gerade noch keine ausreichende Evidenz für einen tumorwirksamen Effekt bei der Anwendung bei Gliompatienten liefert: „Despite the promising results from laboratory data (…) reliable clinical data are lacking, providing evidence that D,L-methadone has substantial antitumor effects in patients with glioma.“

Ja: einige Veröffentlichungen zum Thema belegen eine antitumoröse Wirkung – bei In-vitro-Versuchen – also im Reagenzglas und/oder in Tierversuchen! Daraus eine automatische Analogie auf die Wirkung in-vivo (also am Patienten) zu ziehen ist aber wissenschaftlich abzulehnen und kann nur Grundlage für weitergehende klinische Forschung sein.
 
Da ja bei diesem emotionalen Thema immer wieder der alleinige Unwille der Pharmaindustrie als Begründung für die fehlende Forschung zum Thema angesprochen wird muss man der Vollständigkeit halber auch auf andere Verstrickungen hin. Exemplarisch sei hier nur der Verein mamazone e.V. anzuführen, in dessen Zeitschrift mehrfach Interviews und Veröffentlichungen zum Thema erfolgten. Wie fast alle Selbsthilfegruppen erhält der Verein umfangreiche Sponsorengelder von der Pharmaindustrie – dies z.B. nach Deklaration in unbekannter Höhe auch von Sanofi, dem einzigen Hersteller des Fertigpräparates in Tropfenform (L-Polamidon®).
 
Interessant stellt sich dar, wie aktuell auch die Universität Ulm, aus deren rechtsmedizinischem Institut die wesentliche Veröffentlichung und die allseits medienaffine Dr. Claudia Friesen stammt, zurückrudert. Hier wurden, allerdings auch wenig professionell, Pressemeldungen zum Thema gelöscht.
 
Fazit: In der gegebenen Indikation als antitumoröse Therapie sollte Methadon aufgrund wissenschaftlich-basierter Überzeugung nicht verordnet werden – auch nicht auf Privatrezept/Off-Label. Sollten starke Schmerzen vorliegen und die Indikation für die Behandlung mit einem Opioid bestehen wäre indes natürlich der Rückgriff auf L-Polamidon (Methadon) als Therapiealternative zu diskutieren, wenn auch der fehlende retardierte Effekt eher negativen Einfluss auf die längerfristige Schmerzkontrolle hat und das Präparat nicht zu den Morphinen der ersten Wahl gehört.
 

[1] Arznei-Telegramm 6/2017
[2] ONKEN, J. et al.: Anticancer Res. 2017; 37: 1227-35
[3] Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie zum Thema
Bild: DarkoStojanovic / pixabay.com

Arthrose: Placebo offensichtlich besser als Glucosamin + Chondroitin

Arthrose quält viele Menschen mit Schmerzen an den unterschiedlichsten Gelenken. Nachvollziehbar also, dass hier die „Fühler“ nach allerlei Alternativen ausgestreckt werden. Erst vor zwei Wochen präsentierte eine Patientin in unserer Sprechstunde ein Nahrungsergänzungspräparat mit Glucosamin und Chrondroitin – „das baut Ihren Knorpel wieder auf“, versicherte ihr die MFA einer Spezialistenpraxis beim Verkauf.

Ein Traum wäre es in der Tat, wenn dies funktionieren würde, würde es doch unzählige Operationen verzögern helfen oder gar unnötig machen. So einfach ist es aber leider nicht: bereits aus älteren Studien ist bekannt, dass eine Einnahme dieser Nahrungsergänzungsmittel keinen relevanten Einfluss auf die Knorpelgesundheit haben, auf Beschwerden war bislang in einzelnen Arbeiten lediglich eine Tendenz zu geringer Wirksamkeit erkennbar [1,2]. Eine neuere spanische Studie [3] setzt nun nach und bestärkt uns in der Überzeugung, diese Substanzen nicht zu empfehlen:

158 Patienten mit Kniearthrose wurden per Zufall in zwei Gruppen aufgeteilt: eine Gruppe sollte über ein Jahr Glucosamin und Chondroitin, die andere Gruppe ein gleichartig aussehendes Scheinmedikament ohne Wirkstoff erhalten – weder das Versuchsteam noch Patienten wussten wer zu welcher Gruppe gehört (sog. Doppelblindkonstellation). 
Das Ergebnis war ernüchternd: die Gruppe mit dem Scheinmedikament erfuhr sogar eine stärkere Schmerzlinderung als die Gruppe mit Glucosamin/Chondroitin . Zudem waren Nebenwirkungen, wie Bauchschmerzen, Durchfall, etc. in dieser häufiger. Die Studie wurde deshalb bereits nach nur 6 Monaten abgebrochen.

Als Fazit kann einmal mehr festgehalten werden, dass eine Nahrungsergänzung mit Glucosamin und Chondroitin allenfalls eine erleichternde Wirkung für den Gelbeutel, nicht aber für Arthrosebeschwerden bewirkt. Besser man hält sich an bekannte Maßgaben: Gelenke in Bewegung zu halten (insbesondere durch schonende Sportarten, wie Fahrradfahren oder Schwimmen/Wassergymnastik) zeigt nachhaltig und belegbare Verbesserungen von Beschwerden und Arthroseentwicklung.

Quellen:
[1] Hochberg MC et al: Combined chondroitin sulfate and glucosamine for painful knee osteoarthritis: a multicenter, randomised, double-blind, non-inferiority trial versus celecoxib. Ann Rheum Dis 2016; 75(1): 37-44
[2] Sawitzke AD et al: Clinical efficacy and safety of glucosamine, chondroitin sulphate, their combination, celecoxib or placebo taken to treat osteoarthritis of the knee: 2-year results from GAIT. Ann Rheum Dis. 2010 Aug;69(8):1459-64
[3] Roman-Blas J et al: Combined Treatment With Chondroitin Sulfate and Glucosamine Sulfate Shows No Superiority Over Placebo for Reduction of Joint Pain and Functional Impairment in Patients With Knee Osteoarthritis. ARTHRITIS & RHEUMATOLOGY Vol. 69, No. 1, January 2017, pp 77–85.

Vom Neckar an den Main – Veränderungen in unserer Lehrpraxis

Seit 2009 waren wir als Akademische Lehrpraxis der Universität Heidelberg an der Ausbildung angehender Ärzte im Rahmen der Blockpraktika beteiligt. Leider zeigte sich die geographische Lage im äußersten Norden Baden-Württembergs zunehmend als Hemmschuh, fanden doch recht wenige Studierende den Weg in unsere schöne Region.

Da wir die Lehrtätigkeit einerseits als interessant und belebend für den Praxisbetrieb ansehen und andererseits darin einen immens wichtigen Beitrag zur Imagepflege unserer Fachrichtung und unserer Heimat als potentiellen ärztlichen Wirkungsbereich ansehen wurden hier einschneidende Veränderungen notwendig. Am Ende ist nun endlich der Wechsel vollzogen: ab sofort fungieren wir als Akademische Lehrpraxis der Universität Würzburg und beteiligen uns an den Blockpraktika, wie auch an der Ausbildung im Praktischen Jahr.

Wir sind offen für den Nachwuchs – zeigen wir den jungen Menschen wie viel Lebensqualität unsere Region bietet und wie großartig der Beruf des Hausarztes ist!

Bild: © W.I  / pixelio.de

Passivrauchen – Krankheitsrisiko ohne eigene Schuld

 
„Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit“ – das ist uns präsent, etwa als Warnung auf Zigarettenschachteln oder auf Werbeplakaten der Tabakindustrie. Spätestens mit Einführung des Rauchverbotes in öffentlichen Gaststätten 2007 ist auch die Schadwirkung des sogenannten „Passivrauchen“, also der Inhalation von durch Andere abgeatmetem Tabakrauch im Bewusstsein der Bevölkerung angekommen.
Dass etwas schadet ist stets eine recht pauschale Warnung, verknüpfen wir doch Alles gerne mit konkreten Beispielen. Gerade hier gibt es mittlerweile aber genug Studiendaten, die entsprechende schädliche Einflüsse konkretisieren.

Verschlechterung eine Diabetes Mellitus

Die Güte der Einstellung eines bestehenden Diabetes Mellitus misst man mit einem Laborparameter, der als „Blutzuckergedächtnis“ ein Bild der durchschnittlichen Blutzuckerwerte der vergangenen 3 Monate zeichnet, dem sogenannten HbA1c. Nach aktuellen Studiendaten (über 2400 Studienteilnehmer) ist belegbar, dass der Langzeitzuckerwert HbA1c umso schlechter war, umso mehr sie zu Hause trotz Nichtraucherstatus dem Rauch von Mitgliedern der Wohngemeinschaft ausgesetzt waren [1]. Bei den weiblichen Studienteilnehmern ließ sich dies erweitert auch bei tabakrauchender Kollegenschaft am Arbeitsplatz belegen. Nachdem der HbA1c mit der Prognose eines Diabetes zusammenhängt (und eines der Therapieziele einer Behandlung darstellt) kann gefolgert werden, dass Passivrauchen langfristig einen bestehenden Diabetes Mellitus verschlechtert.

Förderung der Entstehung von Brustkrebs

Dass Rauchen eine mannigfaltige Zahl von Krebserkrankungen fördert und/oder hervorrufen kann ist mittlerweile zweifelsfrei belegt. Nun existieren aber auch Studienergebnisse, die auf eine entsprechende Problematik im Zusammenhang mit passiver Rauchexposition hinweisen [2]: Durch eine Fallkontrollstudie (585 Patientinnen mit Brustkrebs, 1170 gesunde Kontrollpatientinnen) wurde eine Erhöhung des Brustkrebsrisikos bei häuslichem Kontakt zu Tabakrauch belegt, dass über die Jahre der Exposition noch deutlich stieg. Bei passiv „mitrauchenden“ Patientinnen stieg das Risiko um 88% (in etwa also eine Verdopplung des Risikos). Dauerte die Einwirkung länger stieg das Risiko auch weiter mit an – bei mehr als 20 Jahren bis zu 180% (nahezu eine Verdreifachung des Risikos).

Mehr Narkosekomplikationen bei Kindern

Kinder, die durch rauchende Eltern dem Passivrauch ausgesetzt sind erleiden bei einer notwendigen Narkose häufiger Komplikationen, wie einen Stimmlippenkrampf (potentiell lebensbedrohlich), Verkrampfungen der Bronchien, Veränderungen der Atemfrequenz und Verlegung der Atemweg. Diese Zusammenhänge waren durch die kombinierte Analyse vorliegender Studien evident (sogenannte Meta-Analyse), wenn auch durch diese Erhebung nicht belegt werden kann, dass die Komplikationen ohne Passivrauchexposition seltener stattgefunden hätten [3].

Schlechtere Knochenheilung

Noch eher zurückhaltend zu betrachtende (bislang nur im Tierversuch belegt) aber dennoch schon alarmierende Ergebnisse zeigten sich bei der Untersuchung der Knochendichte unter dem Einfluss des Passivrauchens. Bei Laborratten war unter dem „Blauem Dunst“ nach Knochenbrüchen die Knochendichte des neugebildeten Knochens herabgesetzt und die Neubildung nur verzögert messbar.

Was bleibt

Alles in Allem reicht uns natürlich der gesunde Menschenverstand um uns klar zu machen, dass eine Exposition gegenüber Tabakrauch auch für den nichtrauchenden „Bystander“ gefährliche Konsequenzen haben kann. Letztlich fällt aber bei eine klare Empfehlung schwer, so lange nicht belastbare Daten vorliegen. Allzu oft saß die Medizin in der Vergangenheit solchen „Vernunftschlüssen“ auf und Ärzte ließen sich zu Ratschlägen hinreißen, die in Ihrem Nutzen heute widerlegt sind – man denke nur an die Verteufelung von Eiern in den 80er und 90er Jahren aufgrund der aufkeimenden Beachtung von Cholesterin als kardiovaskulärer Risikofaktor. Wer aber zurecht über Feinstaub auf deutschen Straßen wettert und über entsprechende Filter für Laserdrucker nachdenkt sollte die Abstinenz gegenüber dem Passivrauchen als studienbelegte Schadwirkung ganz oben auf die Agenda stellen.
 

Lehrpraxis aktuell – Famulantin arbeitet mit

Frau Lisa Strecker ist Studentin der Humanmedizin an der Universität des Saarlandes und wird in der Zeit vom 13.3. bis zum 12.4.2017 in unserer Praxis eine Famulatur ableisten.

Im Rahmen der klinischen Semester absolvieren die Studierenden unterschiedliche Famulaturen in Kliniken und Arztpraxen, um so über die Theorie hinaus auch praktische Erfahrungen sammeln zu können.

Frau Strecker studiert im 6. Semester und hat bereits viele theoretische Inhalte erarbeitet. Aus besonderem persönlichen Interesse für die hausärztliche Medizin im eher ländlich geprägten Umfeld erwuchs der Entschluß, in unserer Praxis für 4 Wochen mitzuarbeiten.

Als akademische Lehrpraxis sind auch wir mit der Ausbildung von jungen Medizinern beauftragt. Entsprechend möchten wir Frau Strecker möglichst gut in unsere Praxisabläufe integrieren (Patientengespräche, Untersuchungen, etc.). Sollten Sie als Patient nicht mit der Gegenwart der Kollegin einverstanden sein, teilen Sie dies bitte unserem Helferteam oder den Ärzten mit.

Selbstverständlich unterliegt Frau Strecker genauso wie wir der ärztlichen Schweigepflicht. Wir bitten Sie also unserer Kollegin das gleiche Vertrauen wie auch uns entgegenzubringen.