Hausarztmangel – welcher Hausarztmangel?

Zum Artikel „Hausarzt-Versorgung im Landkreis auf „sehr gutem Niveau“ (Fränkische Nachrichten vom 24.8.2017) [1]

Kopfschüttelnd fällt mir beim Bericht über die Erörterung der hausärztlichen Versorgung durch MdL Prof. Reinhart nur die markige Phrase des Kabarettisten Dieter Nuhr ein: „Wenn man keine Ahnung hat: einfach mal …“.

Nicht mehr als Beschwichtigungen durch den Politiker im Rahmen des Wahlkampfes stellt der Inhalt des Artikels dar. Offensichtlich erkennen Volksvertreter jene Signale nicht, die das gemeine Volk schon mit gesundem Menschenverstand sehen kann: nicht die aktuell bestehende Zahl der Hausärzte im Kreis ist von Bedeutung – die ist in der Tat sehr gut und ausreichend. Von Interesse für die Bürger ist aber doch, ob sie in 5-10 Jahren auch noch einen Hausarzt vor Ort haben werden!

Genau hier liegt aber das Problem begraben: aus eigener Recherche für einen Vortrag  [2] ergibt sich für den Altkreis Mergentheim eine in der Tat düstere Prognose: 2015 waren hier 24 Ärzte in hausärztlicher Versorgung tätig – nach ihrer Altersstruktur sind bis 2025 davon 14 im Rentenalter (und somit wahrscheinlich im Ruhestand). Von den damals 14 Kollegen ist mittlerweile leider Kollege Pingel aus Niederstetten verstorben – erwartungsgemäß ohne eine Nachbesetzung seiner Praxis. Somit werden 2025 wohl über 62% der jetzt tätigen Hausärzte ihre Praxistüre hinter sich abgeschlossen haben. Nachwuchs zu finden ist, selbst bei großem Engagement in der Weiterbildung, immens schwer geworden: Ärzte in Weiterbildung Allgemeinmedizin sind rar – Weiterbildungsstellen, gerade im ländlichen Raum, gibt es „wie Sand am Meer“. Derzeit sind drei Ärzte in Weiterbildung in der hiesigen Region tätig, andere Kollegen suchen aber schon seit langer Zeit erfolglos ausbildungswillige Kollegen.

Natürlich sind wir froh, gerade einen jungen Kollegen für die Praxis fit machen zu dürfen und ihn mittelfristig als niedergelassenen Kollegen in der Nähe von Bad Mergentheim sehen zu dürfen. Natürlich freut es mich beim regionalen Stammtisch der JADE – Junge Allgemeinmedizin Deutschland eine Kollegin in Weiterbildung kennen zulernen, die mit dem Gedanken spielt, sich im Altkreis niederzulassen.

Selbst das berüchtigte „Milchmädchen“ erkennt aber schnell, dass diese Lichtblicke nicht für die Deckung unseres hausärztlichen Bedarfes in den kommenden Jahrzehnten ausreichen werden. Bundesweit sehen die Zahlen indes nicht anders aus: nach Daten der KBV (Ärztemonitor 2016 [3]) planen 27% der Hausärzte ihre Tätigkeit in den kommenden 5(!) Jahren aufzugeben. Auch die Altersstruktur passt dazu: jeder dritte Hausarzt ist über 60 Jahre alt. In Deutschland haben 2016 indes ca. 1300 Nachwuchsmediziner ihre Facharztprüfung Allgemeinmedizin als Voraussetzung einer Niederlassung abgelegt. Im selben Jahr waren ca. 43.600 Hausärzte tätig.

Wenn die Nachwuchsgewinnung weiter so schleppend verläuft können wir innerhalb der fünf Jahre, in denen sich nach o.a. Zahlen 27% (ca. 11.770 Kollegen) zur Ruhe setzen werden gerade mal 6500 Praxen mit jungen Kollegen nachbesetzen – und das ist schon sehr optimistisch gedacht, da ein nicht geringer Anteil der jungen Allgemeinmediziner viel lieber in Anstellung arbeiten würde.

Quellen:
[1] FN vom 24.8.2017
[2] Bad Mergentheim 2030 – was zeigt uns der Blick in die Kristallkugel?

[3] KBV – Ärztemonitor 2016
[4] KBV – Ärztestatistik 2016

 

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