Verhinderung von HIV-Infektionen lediglich Lifestyle?

Schon seltsam: die gesetzlichen Kassen dürfen problemlos für wissenschaftlich höchst zweifelhafte oder sogar in Ihrer Wirkung widerlegte Therapiekonzepte, wie Homöopathie, Osteopathie oder anthroposophische Medikamente Ausgaben erstatten oder Versicherte mit Zuschüssen zu „Gesundheitsreisen“ locken. Wenn aber eine hochwirksame Möglichkeit zur Prävention von HIV-Infektionen auf dem Markt ist, deren Anwendung von WHO und Robert-Koch-Institut nachdrücklich für betroffene Risikopatienten empfohlen ist wird dies im gemeinsamen Bundesausschuß noch nicht einmal diskutiert.

In Deutschland stagnierte die Neuerkrankungsrate bei ca. 3000/Jahr, insbesondere in Risikogruppen besteht unverändert ein deutlich erhöhtes Risiko für die Infektion mit dem Virus: bei Prostituierten liegt dies 14-fach höher als in der Durchschnittsbevölkerung, bei homosexuellen Männern zeigt sich eine 19-fache und bei Transgender-Frauen gar eine 50-fache Erhöhung. Mit Tenovovir/Emtricitabin exisitiert ein wirksames Präparat zur Prävention einer HIV-Infektion: mit einer bereits 2012 in den USA erfolgten Zulassung kann auf einen große Anzahl behandelter Patienten zurückgeblickt werden, so gab es weltweit nur drei Berichte über eine trotz Einnahme erfolgte Infektion mit dem HI-Virus. Die Nutzung eine Kondoms vermag bei korrektem Gebrauch bei heterosexuellen Partnern eine Infektion in 80% der Fälle zu verhindern, beim Sex zwischen Männern aber schon nur noch bei ca. 64%. Verständlich also, dass die WHO schon 2014 für Risikogruppen die Kombination des Kondoms mit der Einnahme des o.a. prophylaktischen Medikaments empfiehlt.

Der Spitzenverband der gesetztlichen Krankenkassen macht sich die Angelegenheit sehr leicht und klassifiziert die Medikation in den Bereich der „Lifestyle-Medikation“ und stellt sie damit auf eine Stufe mit potenzsteigernden Mitteln oder Präparate gegen einen vorzeitigen Samenerguss. Schaut man sich das Leid eines an AIDS Erkrankten an wirkt dies geradezu zynisch, aber auch gesundheitsökonomisch ist dies fragwürdig: bei einer HIV-Infektion wird eine lebenslang notwendige Kombinationstherapie mit teils sehr teuren Medikamenten notwendig – ganz abgesehen von der großen Unbekannten: der Zahl der potenzielle durch den Betroffenen Neuinfizierten!

Quelle: arznei-telegramm 2018; 49; 17-20

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