Vitamin-D-Mangel – mit einer Fehlinterpretation auf dem Weg zur Überdiagnose

Schenkt man den Populärmedien Glauben sieht es mit unserer Gesundheit schlecht aus: „Mindestens 60 Prozent der Deutschen bekommen zu wenig Vitamin D und riskieren damit viele Krankheiten (…)“, schreibt der Focus in fetten Lettern. Die Basisdaten, die zu dieser Erkenntnis führen stammen u.a. vom renommierten Robert-Koch-Institut: in der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS 1) [1] wurde bei fast 7.000 Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren der Vitamin-D-Spiegel bestimmt – sicher also eine gute und repräsentative Grundgesamtheit.


Nach dieser Aufstellung liegen also 56% der Erwachsenen im Bereich einer „mangelhaften und suboptimalen“ Versorgung – warum ist dann überhaupt Kritik und Zweifel an solchen Meldungen in den Medien gerechtfertigt?

Das Grundproblem bei Angaben zum Nährstoffbedarf ist tatsächlich der schwierige Weg zur Ermittlung eines Referenzbereiches. Für ein Verständnis des Sachverhaltes ist die Kenntnis der international gültigen Definition von Referenzwerten für Nahrungsbestandteile notwendig [2]:

  • Estimated Average Requirement (EAR): die tägliche Zufuhrmenge (oder der dazu korrelierende Serumspiegel), die ausreicht, um den Bedarf von 50% der gesunden Personen zu decken
  • Recommended Dietary Allowance (RDA): tägliche Zufuhrmenge (oder der dazu korrelierende Serumspiegel), die ausreicht, um den Bedarf von 97,5% der gesunden Personen einer definierten Bevölkerungsgruppe zu decken (= EAR + 2 x Standardabweichung)
  • Upper tolerable intake level: höchste tägliche Zufuhrmenge eines Nahrungsbestandteils, die (wahrscheinlich) keinen gesundheitlich nachteiligen Einfluss hat 
  • im Falle von Vitamin D haben EAR und RDA eine fehlende oder allenfalls minimale Sonnenexposition als Grundlage

Konkret für Vitamin D sehen diese Referenzwerte somit folgendermaßen aus [3]:

Der oben bereits erwähnte riesige Anteil an Vitamin-D-unterversorgten Deutschen basiert also auf einer Unterschreitung der RDA – und genau das ist der Knackpunkt: es handelt sich schlicht um eine Fehlinterpretation der Grenzwerte, die RDA wird fälschlich als „Cut-off-Wert“ gewertet, der alle Menschen, deren Vitamin-D-Spiegel sich darunter bewegt automatisch einer Mangelgruppe zuweist. Richtig ist, dass für 97,5% der Bevölkerung ein Serumspiegel analog zur RDA von maximal 20ng/ml oder weniger ausreichend für eine gesunde Lebensweise ist. 20ng/ml beschreibt also das oberste Ende des Bedarfsspektrums. Anders formuliert: nur 2,5% der Bevölkerung hat einen Nährstoffbedarf mit einem Zielspiegel von mehr als 20ng/ml! Betrachtet man die EAR wird die Absurdität der heute gebräuchlichen Einteilung des Vitamin-D-Mangels noch deutlicher: 50% der Menschen kommen mit einer Vitamin-D-Zufuhr aus, die zu einem Serumspiegel von maximal 16ng/ml oder darunter führt – nur die Hälfte der Bevölkerung benötigt also überhaupt Serumspiegel von über 16ng/ml für eine Vermeidung eines erhöhten Osteoporoserisikos.

Problematisch kann die leider übliche Verschiebung der Serumspiegel dabei durchaus auch werden: das Upper Tolerable Intake Level wird von nicht wenigen Menschen überschritten, die versuchen den vermeintlich optimalen Zielspiegel zu erreichen: so wird dann die gutgemeinte Prophylaxe zur gesundheitlichen Gefahr, die bei zu hoher Vitamin-D-Zufuhr zweifelsohne vorhanden ist.

Die beiden folgenden Diagramm verdeutlichen hier nochmals die Fehlinterpretation anhand einer Verteilungskurve [nach 4]:


Insgesamt lassen diese Ausführungen die Horrorszenarien zum bundesweiten Nährstoffmangel doch in anderem Licht erscheinen. In neutrale und objektive Informationen dürfen wir hier indes wenig Hoffnung setzen, bestehen doch mannigfaltige Interessenkonflikte da mit Nahrungsergänzungsmitteln jährlich über eine Milliarde Euro in Deutschland umgesetzt wird. Weiter dürfte es dem durchschnittlichen Redakteur der Laienpresse schwerfallen, selbst eine Recherche bezüglich solcher Daten anzustellen und die Meldungen zu hinterfragen – letztlich schreibt hier nicht selten Einer vom Anderen ab und trägt so zur Verbreitung der fehlerhaften Information bei.

 

Quellen:
[1] https://www.degs-studie.de
[2] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK45182/
[3] Institute of Medicine. Dietary reference intakes: calcium and vitamin D. Washington, DC: National Academies Press, 2011
[4] Manson JE et al: Vitamin D Deficiency — Is There Really a Pandemic? N Engl J Med 375;19:1817-1820

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