AstraZeneca- Nein Danke? Eine Luxusdiskussion, die wir uns nicht leisten können!

Kaum ist der AstraZeneca-Impfstoff zum Einsatz gegen die Pandemie auf dem Markt häufen sich Absagen von Impfterminen durch eigentlich Impfwillige der ersten Priorisierungsgruppe. Dies sind i.d.R. im Hochrisikobereich eingesetzte Pflegekräfte, Ärzt:innen oder auch Mitarbeiter:innen der Hilfsorganisationen.
 
Gerade aber diese Klientel proftitiert in besonderem Maße von einer zeitnahen Impfung, kristallisierte sich doch in den vergangenen Monaten eine deutliche Bevorzugung dieser Gruppen bei schweren Covid-19 Verläufen heraus. So haben Ärzt:innen, Apotheker:innen, medizinisches Hilfspersonal, Pflege- und Rettungskräfte ein siebenfach höheres Risiko für stationäre Behandlung oder gar Todesfolge [1]. Weltweit liegt der Anteil COVID-19-Erkrankter des medizinischen Personals bei 14-35% (und damit weit über deren Anteil an der Gesamtbevölkerung von weniger als 3%) [2].
 
Warum nun die Zurückhaltung gegenüber der Impfung mit AstraZenecas AD1222? In erster Linie zeichnet dafür die medial recht aufgeheizte Diskussion um die „minderwertige Wirksamkeit“ und „katastrophale Verträglichkeit“ verantwortlich.
 
Dass es zu teils heftigen lokalen und auch systemischen Nebenwirkungen (Fieber, Schüttelfrost, etc.) kommte verwundert eher nicht, wurde das doch auch genau so in der Zulassungsstudie ermittelt (über 70% der Probanden berichteten über solche Symptome). Dass es bislang bei den Impfstoffen von Pfizer/Biontech und Moderna nicht zu solch gehäuften Fallberichten unerwünschter Wirkungen kam kann auch an der geimpften Gruppe liegen: vorrangig Alte kamen in den Genuss der Vakzinierung mit diesen Präparaten und bieten, bedingt durch eine sog. „Immunseneszenz“ (eine „Alterung des Immunsystems“), eine geringere Immunantwort. Bei zunehmender Verimpfung der mRNA-Impfstoffe an Jüngere wird auch hier der Anteil derer, die deutliche Nebenwirkungen spüren vermutlich steigen.
 
Nüchtern betrachtet gibt es aber mehr gewichtige Argumente für eine Impfung auch mit dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca als dagegen:
 
– in der Altersklasse von 18-64 Jahren zeigte der Impfstoff eine Effektivität von über 71% – während in der Placebogruppe 100 Fälle mit Covid-19 nach dem 15. Tag der Impfung vorkamen, waren es in der Gruppe der mit „echtem Impfstoff“ Geimpften nur 29 Fälle [3]. Das ist um Längen besser als das, was wir in den vergangenen Jahren mit Grippeimpfungen erreicht haben.
– unter den trotz Impfung mit COVID-19 Infizierten gabe es keinen(!) schweren Verlauf (im Krankenhaus behandelt und/oder beatmungspflichtig) [4]. Komplikationsträchtige ernsthafte Verläufe können also zuverlässig verhindert werden.
– eine Ausdehnung des Abstandes zwischen den beiden Impfungen auf 12 Wochen kann die Effektivität der Impfung auf 82% steigern, auch dtl. höher Antikörpertiter sind so nachweisbar [3]
– nur durch eine zügigere Durchimpfung der Bevölkerung können wir in überschaubarer Zeit zumindest in die Nähe einer Herdenimmunität kommen und eine Nachimpfung mit einem anderen Impfstoff ist im Verlauf hochwahrscheinlich möglich.
 
Wer lieber auf einen anderen Impfstoff wartet, statt sich aktuell mit dem verfügbaren immunisieren zu lassen geht ein unnötiges Risiko ein, wenn das Tätigkeitsumfeld mit einer täglichen Exposition gegebüber SARS-CoV2 verbunden ist. Und im Worst-Case-Szenario einer Infektion trotz Impfung gilt dann immer noch: besser ein milder Infektionsverlauf als eine Behandlung auf Internsivstation!
 
[1] Mutambudzi M, Niedwiedz C, Macdonald EB, et alOccupation and risk of severe COVID-19: prospective cohort study of 120 075 UK Biobank participantsOccupational and Environmental Medicine Published Online First: 09 December 2020
[2] WHO
[3] Voysey M et al: Safety and efficacy of the ChAdOx1 nCoV-19 vaccine (AZD1222) against SARS-CoV-2: an interim analysis of four randomised controlled trials in Brazil, South Africa, and the UK. The Lancet. 2020
[4] Arznei-telegramm 2021; 52(2): 9-12
[Bild] Maksim Goncharenok/pexels.com

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