Astra-Zeneca-Zweitimpfung nach vier Wochen – fern jeglichem Sachverstand!

Die Politik macht uns Ärzt:innen immer mehr fassungslos. Schon bisher wirkte das Vorgehen der Regierung in der Pandemie an vielen Stellen planlos und ohne belegbare Begründung. Jetzt hat unser Bundesgesundheitsminister aber offensichtlich jeglichen Sach- und auch gesunden Menschenverstand über Bord geworfen: Hinsichtlich des Impfschemas mit Vaxzevria (Astra-Zeneca) könne nun der Zeitraum zwischen erster und zweiter Impfung innerhalb von vier bis zwölf Wochen individuell festgelegt werden, so Spahn.
Ein Blick in die gängige Literatur gibt Mediziner:innen eine klare Leitschnur: bei einem Abstand der beiden Astra-Impfdosen von 12 Wochen erreicht man eine Effizienz von 81,3% – nur 19 von 100 Geimpften infizieren sich bei Exposition noch mit SARS-CoV-2. Verkürzt man den Abstand auf unter 6 Wochen landet man dagegen bei einer Wirksamkeit von nur noch rund 55% [1].
Warum also diese Entscheidung? Offenbar scheint die bevorstehende Wahl im September hier eine größere Rolle als ein sinnvolles Pandemiemanagement zu spielen: schließlich sollen Wähler:innen ja nicht unzufrieden sein, dass die Zeit für eine vollständige Impfung und damit u.U. die Möglichkeit für einen einfacheren Zugang zu den Urlaubsstränden dieser Welt vor den Sommerferien nicht mehr ausreicht.
Für uns als einer evidenzbasierten Medizin verbundenen Ärzt:innen stellt sich die Frage indes nicht: wir impfen unsere Patient:innen nach bestem medizinischen Wissen und Gewissen – das Impfschema für Vaxzevria ist und bleibt bei 12 Wochen! Hier geht es nicht um Urlaube und Vereinfachungen sondern für den optimalen Schutz des Individuums vor einer Infektion. Wer damit unzufrieden ist, muss sich bei uns ja nicht impfen lassen.
Letztlich muss man sich auch die Frage stellen, ob es eine clevere Entscheidung ist, Massen von Touristen mit einem 50:50-Schutz vor einer Coronavirusinfektion in die Touristenzentren der Welt zu schicken. Dieses Vorgehen könnte nach den Sommerferien in Deutschland zu einem durchaus unangenehmen Erwachen führen und, nebenbei bemerkt, ginge die Wertigkeit eines Immunitätsnachweises durch vollständige Impfung auch für den Rest der Bevölkerung gegen Null.
 
[1] Voysey M et al: Single-dose administration and the influence of the timing of the booster dose on immunogenicity and efficacy of ChAdOx1 nCoV-19 (AZD1222) vaccine: a pooled analysis of four randomised trials. Lancet 2020; 397: 881-891

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